10.-16.04.2002: vom Arenal zum Chirripó (Torsten)

Die Fahrt vom Vulkan Arenal zum Cerro Chirripó dauert für uns 3 Tage. Am ersten Tag kurven wir vom Hochland aus ca. 1000m Höhe über Stunden hinunter an die Pazifikküste, tauschen das ange-nehme Höhenklima mit schwüler Küstenhitze mit über 35°C ein. In Herradura finden wir wegen des späten Nachmittags nur eine "Hinterhof-Cabina", die ohne den kräftig wirbelnden "Miefquierl" unter der Zimmerdecke nicht zu ertragen gewesen wäre. Aber für eine Nacht ... na gut!

Unser Etappenziel am nächsten Tag heißt "Playa Matapalo". Entlang der wenig spektakulären Pazifikküste der Provinz Puntarenas und vorbei an dutzenden Ölpalmen-Plantagen, erreichen wir nach knapp 4-stündiger "Weichkochfahrt" bei wolkenlosen 37°C, gut gegart den Ort. Gegenüber einer Cabina eines Amerikaners dürfen wir unser Zelt direkt am Sandstrand aufschlagen, und uns in seinem Haus waschen und frisch machen.

Tagsdrauf biegen wir vor Dominical scharf nach Nordosten ab. Schnell gewinnen wir wieder an Höhe, die Umgebungstemperaturen mäßigen sich, die Landschaft wird abwechslungsreicher, die Straße kurviger. Durch San Isidro del General führt uns unser Weg weiter hinauf in die Berge. Die letzten 10km bis San Gerardo de Rivas sind grob geschottert, doch die Fahrt hinauf in den Ort lohnt sich allemal.

Ursprünglich wollten wir nur 2-3 Tage bleiben, zum Cerro Chirripó hinauf wandern, und wieder abfahren. Doch bereits am Morgen des nächsten Tages zerschlagen sich (oder besser: werden zerschlagen) unsere Pläne. Wir bekommen keine Erlaubnis, in der Schutzhütte auf dem Weg zum Cerro Chirripó zu übernachten. Die Hütte ist für die nächsten 2 Tage mit 60 Personen voll. Erst jetzt erfahren wir, daß tagsdrauf ein nationaler Feiertag ist. Was tun an diesem frühen Morgen um 6:15 Uhr an der Rangerstation des Nationalparks?!?
Frustriert gehen wir zurück zu unserer Unterkunft. Der Besitzer, Francisco Elizondo, kann es selbst nicht glauben. Er bietet uns (ein bißchen zum Trost) eine 3-stündige Wander-Tour durch seine Finca an, die sich entlang des gegenüberliegenden Berg-hangs erstreckt. Wir willigen ein, und entscheiden, noch 2 weitere Tage in den Cabinas
"El Descanso" (Ort der Ruhe und Erholung) zu verbringen, bis wir die Tickets für den Chirripó bekommen. Nichts ahnend und nichts erwartend machen wir uns zu dritt auf zur Finca "Mirador" (Aussichtspunkt). Schnell sind wir begeistert von der Liebenswürdigkeit und dem Wissen Franciscos. Er erklärt uns in spanisch, englisch, mit Händen und Füßen den Kaffee-Anbau, die schwere Arbeit für den geringen Gewinn; er kennt alle Pflanzen der Umgebung, weiß welche Blüten man einfach so essen kann und welche Frucht als natürlicher Insektenschutz dient. Ein großer Teil seiner Finca ist noch mit Primärwald bestanden, und ein wenig stolz verweist er auf seine 7 gigan-tischen "Urwald-Riesen" (Bäume mit 3-4m Durch-messer, deren Alter Biologen der Universität Costa Rica auf über 1000 Jahre schätzen). Leider vergehen die 3 Stunden viel zu schnell, aber Francisco muß nach Hause, seine Frau möchte heute Brot backen. Das bedeutet für ihn, er muß den Steinofen mehrere Stunden mit Holz vorheizen.
 

Da mich das Brotbacken interressiert, verbringe ich also den Nachmittag neben dem "Küchen-Haus". Ein 3x3m kleines Häuschen mit offenen Bambusrohr-Wänden, einem großen Steinofen, einem großen Waschbecken, einer Arbeitsfläche, einem alten gußeisernen Ofen und diverser Back- und Kochwerkzeuge. Ich schreibe alle Arbeits-gänge der Teigherstellung genau auf, und bin letzt-lich doppelt überrascht: Einerseits benötigt costa-ricanisches (Mais)Brot nur zwischen 5-10 Minuten zum Backen und andererseits variiert der Ge-schmack des Brotes (identischer Teig - ich habe es selbst gesehen) je nach Form und Dicke!!!
Natürlich darf ich die fertigen Produkte probieren, alle schmecken sehr lecker und Unglaublicher-weise unterscheidlich!

Am nächsten Tag fahren wir nach San Isidro. Wir wollen unsere e-Mails checken, die homepage aktualisieren (funktioniert leider nicht) und einkaufen gehen. Beim Einkaufen schießt mir die Idee durch den Kopf: Ich könnte doch auch ein Brot in diesem Steinofen backen - ein deutsches natürlich, mit dunklem Mehl und vielen Körnern (Integrales). Ich suche 2 unterscheidliche Mehlsorten aus, eine Art Weizenvollkornmehl und Hafermehl (Roggenmehl ist leider unbekannt). Kaufe zusätzlich Leinsamen, Sesam, Gersten-körner und Trockenhefe... Nach dem Abendessen unterbreite ich Francisco meine Idee. Es sei kein Problem, gerne würde er den Steinofen für "mein Experiment" einheizen. Wir einigen uns auf den Tag nach unserer Rückkehr vom Chirripó.

Der Weg zum Cerro Chirripó:

Wir verschlafen, hören unseren Wecker nicht, und stehen erst um 5:15 Uhr (!) auf. So wird es nach 6:30 Uhr bis wir den Parkeingang auf 1480m erreichen. Es geht gleich steil bergan, wir schaffen zwischen 8-10m/min (Höhenmesser). Um 10 Uhr sind wir auf 2500m, langsam verändert sich die Vegetation, Nebelschwaden ziehen durch den dichten verschlungenen Urwald. Viele Moose, Flechten und Epiphyten (Bromelien und Tilanzien) überwuchern Bäume, Äste und Buschwerk. Die nächsten 2 Stunden "vertrödele" ich mit Fotographieren, so daß wir erst gegen 12 Uhr die 3000m Höhenmarke erreichen. Mittagspause! An einer leicht exponierten Wegstelle packen wir unser Essen aus. Keine 3 Minuten später fallen aus den aufsteigenden Wolken einige Regentropfen, schnell werden es mehr. Wir flüchten 50m weiter unter das schützende Blätterdach des Nebelwaldes.

Von nun an begleitet uns der Regen die nächsten 2½ Stunden, bis wir völlig durchnässt die Berghütte auf 3360m erreichen. Durchnäßt und durchgefroren machen wir uns einen heißen Tee in der Gemein-schaftsküche. Die Hütte ist leider zum Bersten überfüllt, da sich seit mehreren Tagen wegen des Feiertags eine 40-köpfige costarikanische Gruppe hier "verschanzt" hat. Wie wir von einem Ein-heimischen erfahren, haben die Costaricaner den Chirripó erst vor wenigen Jahren für sich entdeckt, und jetzt ist es gerade "in", auf den Berg zu wandern. Nur schade, daß sich die meisten Costaricaner nicht so richtig an die "Spielregeln des Bergwanderns" halten, denn sie lassen ihr gesamtes Gepäck, inklusive Proviant, für umge-rechnet 20US-$ pro 35kg mit Pferden zur Hütte hinauf bringen. So kommen sie auch noch auf 3360m Höhe in den Genuß von 2kg-Keulen geräuchertem Schinken, gutem Rotwein aus Glasflaschen und frischen riesigen Wasser-melonen und Papayas.
Negativ-Effekt: pro Tag transportieren die Pferde 80-120kg Abfälle den Berg wieder hinunter...

Wir teilen unser 4-Bett-Zimmer mit 4 Frauen aus San José. Kein Problem wegen der Anzahl an Betten, eines bleibt sogar leer! Wegen der Kälte von 5-8°C in der unbeheizten Hütte schlafen wir alle jeweils zu zweit in einem Bett. Die 4 Frauen haben ihre Ausrüstung selbst hinauf getragen! Sie laden uns zu einem "Trago Colombio" ein (Anis-schnaps), der angeblich die Kälte vertreiben soll.
Am nächsten Morgen ist um 4:30 Uhr die Nacht vorbei, denn wir wollen hinauf zum Cerro Chirripó. Noch vor 8:00 Uhr erreichen wir den letzten Anstieg, 150 steile Höhenmeter bis zum Gipfel in 3820m. Wegen des überaus steilen Weges schaffen wir trotz langsamen Emporkletterns immer noch 13m/min. Um 8:15 Uhr ist der Gipfel "erstürmt", gerade noch rechtzeitig um das Panorama und die Aussicht genießen zu können. Obwohl wir noch oberhalb der Wolkengrenze sind, ziehen bereits dunkle Nebelschwaden sowohl von Osten (Atlantikseite) als auch von Westen (Pazifikseite), herauf.
  Ein bißchen erschöpft sind wir doch froh, den höchsten Gipfel Mittelamerikas erklommen zu haben. Am späten Nachmittag erreichen wir wieder die Hütte, und 1½ Stunden später beginnt es erneut zu regnen. Wir verbringen den Rest des Tages in der Hütte.

Der nächste Morgen beginnt ähnlich früh, wollen wir doch vor dem Abstieg ins Dorf erst noch die "Cerro Crestones" besteigen. Die Wanderung hinauf dauert eine knappe Stunde, dafür sind die Crestones-Felsen beeindruckender und schöner anzuschauen als der Chirripó selbst. Bei herrlichem Sonnenschein genießen wir 1¼ Stunden die Aussicht, dann beginnt der Abstieg. Er führt uns nochmals an der Hüte vorbei, wir schnappen uns unsere bereits morgens gepackten Sachen, und machen uns auf den Rückweg hinunter ins Dorf San Gerardo. Auf dem Rückweg schaffen wir bis zu 19m/min. und erreichen gegen 15:30 Uhr wieder die Cabinas "El Descanso".

Großer Backtag:

Um es vorweg zu nehmen, das Experiment ist gut gelungen! Die 2 Brote waren gute 50 Minuten, die 4 Brötchen knappe 20 Minuten "in der Röhre". Das warme, frische Brot hat nicht nur uns, sondern auch der Familie Elizondo und einer kleinen Schar Nachbarkindern sehr lecker geschmeckt. Das Rezept befindet sich hier...

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